Jeden Tag in der Vorweihnachtszeit (1. bis 24.12.2023)

veröffentlichen wir hier auf dieser Homepage und bei Facebook eine Weihnachtsgeschichte.

 

Die nachfolgende Geschichte wurde anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs des NOEL-Verlages im Jahr 2019 im Siegerbuch veröffentlicht.

 

Die unglücklich Beschenkten

 

Sarah Hartung

 

‚Enttäuscht‘ traf ihre momentane Gefühlslage nicht einmal annähernd. Drei Tage, zwei Stunden und 47 Minuten hatte Eve an dem Weihnachtsgeschenk für ihre Cousine geses­sen. Stundenlang hatte sie in ihrem Zimmer an dem selbst­gebastelten Schmuckkästchen aus Pappmaché gearbeitet.

In Kleinstarbeit hatte sie Bilder darauf gemalt, hatte alle möglichen Glitzer- und Strasssteinchen aufgeklebt, hatte das Innere des Kästchens mit Samt ausgelegt und hatte ihr Erspartes für die Kette mit dem Kolibri, die ihre Cousine unbedingt haben wollte, ausgegeben. Es war eine mühselige Arbeit gewesen. Noch immer hatte sie Farbe und Kleber an ihren schmerzenden Fingern, aber sie hatte gedacht, dass es die Mühe wert gewesen war.

Als sie dann allerdings das Geschenk von ihrer Cousine für sie geöffnet hatte … nein, enttäuscht war sie wirklich nicht. Die Worte ‚wütend, traurig oder niedergeschlagen‘ trafen es eher.

Mit grimmiger Miene setzte sie sich auf ihr Bett und be­trach­tete das Geschenk ihrer Cousine. Es war eine Bleistift­zeich­nung von einer Schildkröte.

Klar, das Bild war unglaublich schön und Schildkröten wa­ren ihre Lieblingstiere, doch das alles verblasste vor dem Hinter­grund, dass ihre Cousine das Bild vor zwei Jahren im Kunst­unterricht gemalt hatte. Die einzige Arbeit, die sie mit dem Geschenk gehabt haben musste, war vermutlich das Ein­packen gewesen. Falls sie das überhaupt selber gemacht hatte. Normalerweise bat ihre Cousine immer ihre Oma um solche Dinge. Nicht, weil sie das nicht konnte, sondern weil sie, so wie sie immer begründete, kein Geschenkpapier zu­hause hatte. Eigentlich aber war sie nur zu faul dazu.

Ach, so viel Zeit und so viel Arbeit für ein dämliches Schild­krötenbild.

Seufzend ließ Eve sich von einer sitzenden Position in eine liegende fallen. Irgendwann musste sie wieder nach unten zu ihrer Familie gehen. Es war schließlich Weihnachten und es sollte gleich Essen geben. Doch sie konnte sich einfach nicht aufraffen, denn auch, wenn sie direkt nach der Be­scherung in ihr Zimmer gerannt war, damit niemand sie weinen sah, so hatte sie ihre Verärgerung nicht gut ver­bergen können, und sie hatte recht wenig Lust, ihrer Fami­lie den Grund da­für zu nennen. Bedauerlicherweise wären sehr wahr­schein­lich noch mehr Fragen aufgekommen, wenn sie hier­ge­blieben wäre.

Deshalb schob sich die Zwölfjährige langsam aus ihrem Bett, hielt aber abrupt in der Bewegung inne, als es an der Tür klopfte.

„Herein“, rief sie und setzte sich aufrecht hin.

Die Tür öffnete sich und eine Person setzte sich neben sie. Sie musste nicht einmal hinschauen, um zu wissen, wer da neben ihr saß. Sie kannte nur eine einzige Person, die so leise einen Raum betrat und erst anfing zu sprechen, wenn ihr Gesprächspartner ihr in die Augen sah.

„Oma, ist das Essen fertig?“ Aufmerksam betrachtete sie das faltige Gesicht ihrer Großmutter mit den glänzenden blauen Augen. Jede einzelne Falte schien eine eigene Ge­schichte zu erzählen, die nur darauf wartete, stolz weiter­getragen zu werden, und in den Augen lag so viel Intelli­genz und Lebens­erfahrung, dass Eve sich immer, wenn sie ihr ins Gesicht blickte, noch kleiner und unerfahrener fühlte als sie sowieso schon war. Manchmal fand Eve, konnte ihre Oma dadurch durchaus einschüchternd wirken, wenn ihr warmes Lächeln nicht dafür sorgte, dass man sie einfach gernhaben musste.

„Ja, das ist es, meine Liebe. Ich sollte dich rufen.“

Daraufhin musste Eve lächeln.

Ihre Oma rief niemals irgend­­wen. Nur in ganz seltenen Fällen erhob sie ihre Stimme und das meist nur, wenn eine Geschichte es er­forderte. Sie redete immer von Angesicht zu Angesicht mit einer Person, weshalb sie auch nur ungern telefonierte. So ziemlich jeden in ihrer Familie regte das auf, da man sich von ihr doch die ganze Zeit beim Reden beob­achtet fühlte, Eve aber liebte gerade das an ihr. Sie mochte es, dass ihre Oma ihr immer die ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte.

„Ich komme gleich runter. Du kannst schon mal vor­gehen“, sagte sie.

„Okay. Wir sehen uns dann gleich unten.“ Sie setzte zum Gehen an, als ihr Blick auf das Bild in der Hand ihrer Enkeltochter fiel. „Es ist das Geschenk von deiner Cou­sine“, meinte sie dann.

„Was?“, fragte Eve noch in Gedanken.

„Das Geschenk deiner Cousine, das macht dich so traurig“, wiederholte sie bestimmt. Sie stellte keine Frage. Sie klärte lediglich eine Tatsache, denn sie kannte ihre Enkelin besser als sie sich selbst.

„Ja“, murmelte Eve.

„Mir kannst du es ruhig erzählen.“

„Es ist so“, sprudelte es aus Eve heraus, „natürlich sollte ich nicht erwarten, dass Cecilia sich genauso viel Mühe für mein Geschenk gibt, wie ich für ihres, aber ich hatte trotz­dem erwartet, dass sie …, dass sie sich etwas mehr Gedan­ken gemacht hatte. Außerdem hat sie das ja nicht einmal selber eingepackt, stimmt’s? Sie hat es dir gegeben, oder? Das ist so … ja, das macht mich wirklich traurig.“

Eve senkte ihren Blick. Dann schaute sie wieder auf und sah, dass ihre Oma lächelte. „Das wusstest du aber schon, als du in mein Zimmer gekommen bist, richtig?“

„Ja, meine Liebe, das wusste ich schon. Ich wusste sogar schon wie du reagieren würdest, als ich die Zeichnung ein­gepackt habe. Schließlich habe ich gehört wie viel Arbeit du in Cecilias Geschenk investiert hast, aber danke, dass du es mir trotzdem erzählt hast.“ Sie unterbrach sich, um auf ihre Uhr zu sehen. „Und ich glaube, jetzt ist Zeit für eine Ge­schichte.“

„Ich dachte es gibt Essen.“

„Ach, die Zeit reicht und falls doch nicht, dann lassen wir sie eben warten.“

Gespannt rutschte das Mädchen näher an die alte Dame. „Hat die Geschichte einen Namen?“

„Lass mich überlegen … nennen wir sie mal ‚Die unglück­lich Beschenkten‘.“

„Gut, fangen wir an … nein, Eve. Ich weiß wie gerne du alles hinterfragt, aber bitte warte bis ich die Geschichte zu Ende erzählt habe. Du weißt wie sehr ich es hasse, unter­brochen zu werden. Die Fragen kannst du hinterher stel­len.“ Sie zwinkerte und Eve schloss den Mund. Dann be­gann sie zu erzählen:

„Genauso wie Vögel können auch Engel, beim Wandeln zwischen Himmel und Erde, Federn ihrer Flügel verlieren. Aber anders als bei Vögeln sind die Federn von Engeln un­sichtbar und an der Stelle, an der sie die Erde berühren, wachsen dann die schönsten Blumen, Büsche oder Bäume.

So kam es, dass einmal ein ganz besonderer Engel, den man das Christkind nannte, beim Verlassen der Erde an Weih­nachten vier seiner Federn verlor. Weit verstreut fielen sie auf den Boden, doch wie das Schicksal es wollte, wuchs kein Strauch, Busch oder Baum an der Stelle. Stattdessen blieben sie dort vor den Augen der Menschen versteckt liegen. Als der Engel das bemerkte, schickte er, da er selbst nur einmal im Jahr zur Erde konnte, einen Boten zu der Fa­milie, die er am Weihnachtsabend als letzte besucht hatte. Mit vier Silberringen in der Hand flog der Befohlene los und machte vor dem bescheidenen Haus des alten Ehepaa­res halt, das mit seinen vier bereits erwachsenen Kindern die Weih­nachts­feiertage verbrachte.

Dort angekommen, klopfte der Bote an der Tür und sowie man ihn eingelassen hatte, begann er den drei Söhnen und der Tochter von den verlorenen Federn zu berichten. Er erzählte, dass das Christkind sie darum gebeten hatte, die Federn mithilfe von Silberringen, die es ihnen ermöglichen sollten diese zu sehen, zu finden. Der Reihe nach würde das Christkind jedes Jahr einen Stern an den Himmel setzen lassen, der im ersten Jahr den ältesten Sohn, im zweiten Jahr den zweitältesten Sohn, im darauf­folgenden Jahr den dritt­ältesten Sohn und schließlich im vierten Jahr die Toch­ter zu jeweils einer Feder führen würde. Im Gegenzug für die Reise, die sie auf sich nehmen müssten, würde jeder von ihnen die Möglichkeit haben, einem geliebten Menschen ein vollkom­men beliebiges Geschenk zu Weihnachten machen zu kön­nen. Nötig wäre dazu, lediglich mit der Feder zu Weih­nachten zu diesem Haus zurückzukehren, wo das Christ­kind um drei Minuten vor Mitternacht auf sie warten wür­de. Dann könnten sie den Wunsch äußern und die Feder ab­geben.

Nachdem der Bote mit dem Erzählen zu Ende war, brauch­ten die vier natürlich ein wenig Zeit, um nachzu­denken, aber letztlich entschlossen sie sich, den Auftrag anzunehmen. Deshalb verteilte der Gesandte die Ringe unter ihnen und verschwand so wie er gekommen war.

In der nächsten Nacht also machte sich der erste Sohn auf, um dem Stern, den das Christkind am Nachthimmel fun­kelnd hell erstrahlen ließ, zu folgen. Die ganze Nacht wan­derte er, und wenn die Sonne am Morgen aufging, ruhte er sich aus. Seine Vorräte füllte er auf, sobald er die nächste Ortschaft erreicht hatte. Das machte er ganze drei Monate lang, bis er die Feder versteckt in einem Haufen von Stei­nen fand und den Rückweg antrat. Insgesamt vergingen fast sechs Monate, ehe er wieder bei sich zuhause angelangt war.

Ein halbes Jahr später war das Weihnachtsfest dann ge­kom­men. Aus diesem Grund ging er wie seine Geschwister zu­sammen mit seiner Frau und seinem Kind zu seinen Eltern. Sie verbrachten wie immer ein fröhliches Weih­nachtsfest, und als die Uhr drei vor Mitternacht schlug, tauchte neben der alten Eiche im Garten ein Engel mit großen Flügeln auf, die gelblich wie der Mond schimmer­ten. Die Himmelsgestalt trug ein dunkelblaues Kleid, auf dem Tausende von kleinen Sternen funkelten und so wun­derschön aussahen, als würde sich der Nachthimmel selbst auf dem Kleid widerspiegeln.

Staunend lief der junge Mann auf den eindrucksvollen Engel zu, die Feder fest in der Hand verschlossen. Mit einem warmen Lächeln auf dem, von schwarzen Haaren um­säumten, Gesicht empfing ihn das Christkind und fragte ihn sogleich was für ein Geschenk er welcher Person zu be­scheren gedächte. Sie warnte ihn allerdings, dass es wich­tig wäre, weise zu wählen.

Trotz der Warnung musste er nicht lange überlegen, was er wem schenken wollte. Schon während seiner Reise war ihm eine Idee gekommen, denn schon seit längerem beklagte sich seine Frau, dass er ihr nie zeigte wie sehr er sie liebte, und er wusste auch von dem anderen, mit dem seine Frau schon seit längerem ihre Zeit vertrieb. Aus Angst sie zu verlieren, sagte er dem Engel, ohne zu zögern, was er sich gedacht hatte. Der Engel nickte mit dem Kopf, nahm die Feder und ver­schwand. Kurz darauf erhielt seine Frau ein Geschenk, in dem seine ganze Liebe verpackt war.

Im ersten Moment schien seine Geliebte gerührt von dieser einzigartigen Gabe und in den ersten paar Tagen fühlten die beiden sich verbunden wie noch nie, doch je weiter die Zeit verstrich, umso mehr wurde ihr klar, dass sie ihren Mann niemals so sehr lieben konnte wie er sie, da sie ihr Herz schließlich schon vor längerer Zeit einem anderen geschenkt hatte. Sie zerriss innerlich, wusste nicht wie sie mit der Bürde umgehen sollte, die ihr Mann ihr auferlegt hatte und fühlte sich schuldig, wenn sie mit ihrem Gelieb­ten zusammen war. Sie sah keine andere Möglichkeit als zu fliehen. Verzweifelt suchte ihr Mann nach ihr, aber er fand sie nie. Alleine blieb er mit seinem Sohn, dem er, da er seine ganze Liebe bereits verschenkt hatte, keine Liebe mehr entgegenbringen konnte, zurück. Der Mann verhärm­te immer mehr und war fortan unfähig, jemand anderen zu lieben.

Währenddessen hatte der zweite Sohn bereits die Hälfte des Weges zu der zweiten Feder hinter sich gebracht. Anders als sein Bruder lief er tagsüber, indem er sich nachts die Position des Sternes merkte. Dadurch kam er öfter vom Weg ab, aber nachdem er das Gesuchte zwischen ein paar Lumpen ent­deckt hatte, war er nach circa fünf Monaten wieder zu Hause.

Wieder war Weihnachten gekommen und der Sohn ging mit seiner Frau und seiner Tochter zu seinem Elternhaus, wo seine Schwester sowie sein jüngster Bruder auf ihn warteten. Der Älteste blieb verbittert bei sich zu Hause. Sie versuchten die Lücke zu füllen, die ihr Bruder hinterlassen hatte, und feierten ein wenig fröhliches Weihnachtsfest.

Um kurz vor Mitternacht erschien wie auch beim letzten Mal das Christkind. Auf die Frage des Engels, was er wem würde schenken wollen, ließ auch er, trotz der Warnung, es noch einmal zu überdenken, seinen Einfall verlauten.

Ihm war die Idee für ein Geschenk gekommen, nachdem er von seiner Reise zurückgekehrt war. Gelernt hatte er von dem Unglück seines Bruders wie verheerend es sein konn­te, etwas Immaterielles wie Gefühle zu verschenken, und als er seine Tochter in den viel zu großen Anziehsachen spielen sah, weil sie sich nichts anderes leisten konnten, verspürte er das plötzliche Verlangen, seiner Tochter etwas Besseres als das Leben in diesen ärmlichen Verhältnissen ermög­lichen zu müssen.

So erhielt sein Kind, nachdem das Christkind genickt, die Feder genommen hatte und verschwunden war, ein Ge­schenk, das einen Beutel voll Geld enthielt, der niemals leer ging. Mit so einem Beutel jedoch konnte ein fünfjähriges Mädchen nichts anfangen. Deshalb nahm sich der Vater den Beutel, um neue Kleidungsstücke für sein Kind zu kaufen. Kaum aber hatte er die Möglichkeiten entdeckt, die das Geld ihm ermöglichten, kaufte er immer mehr. Ein neues Haus mit einem riesigen Garten, das teuerste Mobi­liar, neues Spiel­zeug für seine Tochter. Ihm fiel gar nicht auf, dass er immer weiter von Habgier zerfressen wurde, denn es war nie genug, und als es nichts mehr gab, was sein Leben persönlich erleichterte, fing er an, sein Dorf zu reno­vieren. Er ließ neue Wohnungen bauen, renovierte den Hafen und alte Gebäude, verbesserte die Straßen und vieles mehr, bis fast alles in sei­nem Dorf von ihm finanziert wor­den war.

Er redete sich die ganze Zeit ein, er würde es für seine Toch­ter tun. Nur dadurch, dass er darauf so konzentriert war, Geld auszugeben, hatte er keine Zeit mehr für sie. Da er sich ins Geld verliebt hatte, wandte sich auch seine Frau immer weiter von ihm ab. Im Inneren der Tochter herrsch­te nur noch Einsamkeit.

Eines Tages dann sprach sich herum, woher der Mann sein Geld nahm. Diebe oder besser gesagt Neider machten sich mit Messern bewaffnet auf den Weg zu ihm mit dem Plan, sich den Beutel zu holen. Sie drangen ins Haus ein, töteten die Frau, die versucht hatte die Diebe abzuwehren, schlu­gen den Mann bewusstlos, nahmen den Beutel und ver­schwan­den.

Der Mann musste nun wieder zurück in sein altes Haus, da er den Reichtum, den er erworben hatte, nun nicht mehr halten konnte. Zusammen lebte er dort mit seiner Tochter, die einsam um ihre Mutter trauerte, während ihr Vater die Zeit damit verbrachte, um seinem Geld nachzuweinen.

In der Zwischenzeit war sein kleiner Bruder mit der dritten Feder zurückgekehrt. Gefunden hatte er sie auf einem Berg von Glasscherben, indem er abends per Kompass die Posi­tion des Sterns bestimmte, um sich tagsüber orientieren zu können. Er war drei Monate fort.

Am Tage des Weihnachtsfestes waren nur die beiden jüngs­ten Geschwister anwesend. Die Stimmung war dement­sprechend bedrückt und als der jüngste Sohn dem Christ­kind gegenüberstand, meinte er, er hätte aus den Fehlern seiner Vorgänger gelernt. Also wünschte er sich für seine Geliebte Schönheit. Er wusste wie unglücklich sie über ihr Aussehen war. Das Gespött der Leute machte sie fertig.

Schönheit war nicht materiell oder ein Gefühl. Er dachte, er hätte das perfekte Geschenk gewählt.

Die Realität war leider anders.

Seine Geliebte war anfangs glücklich. Statt verachtet zu wer­den, wurde sie neuerdings von fast allen Männern be­gehrt und von vielen Frauen beneidet. Bedauerlicherweise verlor sie sich durch die Gestalt, die sie nach außen hin ausstrahlte; sie wusste nicht mehr wer sie sein wollte bezie­hungsweise wer sie wirklich war. Sie probierte alles aus, änderte sich ständig; mal schrie sie die Leute einen ganzen Tag nur an, dann war sie plötzlich arrogant und selbst­verliebt, einen anderen Tag wieder schüchtern oder hilfs­bereit, bis keiner mehr sie einzuschätzen wusste. Wieder war sie ein Gespött. Sie hielt das nicht aus und verließ die Stadt, aber sie fand einfach keine Ruhe.

Deprimiert sie verloren zu haben, versteckte sich der junge Mann in seinem Haus. Er verließ es nur noch ganz selten. Die Familie, die noch vor ein paar Jahren fröhlich Weih­nachten miteinander verbracht hatte, brach auseinander.

Das nächste Weihnachten kehrte nur die Tochter von einer langen Reise zum Elternhaus zurück. Obwohl sie mit einem Kompass ein Beispiel an ihrem Bruder genommen hatte, brauchte sie fast ein ganzes Jahr. Die Feder hatte sie am Fuße eines Baumes gefunden.

Sie war fest entschlossen, ein weiteres Unglück wie das ihrer Brüder zu verhindern und so schenkte sie dem Engel die Feder ohne ein Geschenk für jemanden zu verlangen. Das erfreute den Engel, denn die junge Dame hatte die Lektion, die sie der Familie gestellt hatte, gelernt. Noch immer hoch­erfreut schenkte sie dem Mädchen die Feder zurück. Die Magie, die sie enthielt, sollte, wenn das Mäd­chen sie an den Tannenbaum hängte, ihre Familie wenigs­tens zu Weihnach­ten wieder vereinen.

Das nächste Fest verbrachten sie wieder alle zusammen und langsam konnten die Geschwister den Kummer, den die Geschwister durch die drei Geschenke erlitten hatten, über­winden. Manchmal sind es schließlich die kleinsten Dinge, die die größte Magie enthalten.“

Eves Großmutter hatte während der ganzen Geschichte neben ihr gesessen, doch jetzt stand sie auf, um sich direkt vor Eve auf einen Stuhl zu setzen. Sie wollte gerade etwas sagen, da kam ihr Eve zuvor: „Was soll mir die Geschichte denn jetzt sagen? Hätte ich ein kleineres Geschenk machen sollen oder hätte ich mir weniger Mühe geben sollen? Oh, bestimmt ist es das letzte, oder?“

Die alte Dame lachte. „Nein, mein Liebes, keines von bei­dem. Überleg mal. Du bist schließlich ein intelligentes Mäd­chen. Warum haben die Geschenke den Söhnen und deren Familien so viel Unglück gebracht?“

Nachdenklich kratzte Eve sich am Kopf. „Hmm … der erste hat seine Liebe verschenkt, der zweite ein Goldbeutel, der dritte Schönheit und das Mädchen hatte die Feder dem Engel geschenkt, richtig?“

„Ja, so war es.“

„Es lag nicht daran, was sie verschenkt hatten, oder? Schließ­lich hatte das Mädchen die Reise praktisch umsonst unter­nommen. Sie hatte keine Gegenleistung erwartet, als sie dem Engel die Feder schenkte. Ich glaube, jetzt habe ich es, es lag nicht daran was sie verschenkt hatten, sondern daran, dass sie selber von dem Geschenk profitieren woll­ten.“

„Richtig, der erste Sohn wollte um jeden Preis seine Frau zurück, obwohl sie jemand anderen wollte, der Zweite woll­te mit dem Geschenk seiner Armut entfliehen und der Dritte wollte nicht dem Gespött der Leute ausgesetzt sein, wenn er die Frau, über die alle lästerten, heiratete. Das Mädchen hingegen hatte die Feder, trotz der langen Reise, selbstlos ver­schenkt.“

„Du möchtest mir also sagen, dass man selbstlos sein soll, wenn man etwas verschenkt, und nicht erwarten sollte, dass hoffen sollte, dass etwas im Gegenzug erhält?“

„Richtig.“

Eve ließ die Schultern hängen. „Jetzt fühle ich mich schlecht. Ich bin genauso selbstsüchtig wie die drei Söhne.“

„Aber nicht doch. Selbstlos zu sein, muss man lernen. Die Frau hat aus den Fehlern ihrer Brüder gelernt und du kannst von der Geschichte lernen.“

„Außerdem“, fügte sie hinzu, „glaube ich nicht, dass die drei Männer von Grund auf schlechte Menschen waren. An sich selbst zu denken ist menschlich. Auch bei aufrichtigen Men­schen ist das so. Nur an Weihnachten sollte man da einmal eine Ausnahme machen.“

„Na dann, habe ich wohl meine Lektion gelernt. Gehen wir nach unten. Die Geschichte war sehr lang“, sagte Eve. Sie versuchte zu lächeln, aber ein bisschen schlecht fühlte sie sich immer noch.

„Warte noch kurz. Ich muss dir etwas geben.“ Ihre Oma zog etwas unter ihrer Bluse hervor. Es war eine Kette, an der eine Feder hing. „Weißt du, später führte die Frau in ihrem Dorf die Tradition ein, dass man jedes Jahr zu Weih­nachten einem anderen eine Feder schenkte, um daran zu erinnern wie wichtig es ist, selbstlos zu sein und die Magie in den noch so kleinsten Dingen zu erkennen. Vor langer Zeit habe ich ein­mal eine solche Feder erhalten. Jetzt schenke ich sie dir.“ Behutsam hängte sie Eve die Kette um.

„Heißt das, die Geschichte ist wahr?“

„Das habe ich nicht gesagt, aber vielleicht ist es so, dass jede Geschichte ein Fünkchen Wahrheit enthält. Komm gehen wir runter.“

Die alte Frau nahm ihre Enkelin an die Hand und zu­sam­men verließen sie den Raum.